Eine Nacht in Nebraska

Was für eine abenteuerliche Fahrt beim America’s Challenge 2014!

Landung (schon) nach 45 Stunden bei Nacht in der Nähe eines Gewitters in Omaha/Nebraska!

Aber nun alles der Reihe nach.

Anfang Oktober flogen wir mit unserer Crew nach Albuquerque, dem Mekka der Heißluftballonfahrer, aber auch in diesem Jahr wieder der Startpunkt des America’s Challenge von sieben Gasballonteams aus Deutschland, Polen, Spanien und den USA.

Nach einer stilvollen Eröffnungsparty mit amerikanischen/mexikanischen Essen und leckeren Magharitas und bei gut organisierten Briefings, u.a. mit sehr umfangreichen Wetterbulletins, wurde der Samstagabend, der 4.10., als Starttermin ausgewählt, so dass wir nach dem Sandschaufeln am späten Nachmittag mit den Vorbereitungen anfingen. Leider wurde der Wind mit Böen über 20 kt nicht weniger und der Start musste wegen 24 stündiger Ruhezeiten der Wasserstoff-Truckfahrer auf Montagabend verlegt werden.

Der Start am Montagabend sollte nach Sonnenuntergang erfolgen, aber wieder beruhigte sich nicht der Wind, wie vorgesehen. Also hieß es erstmal warten, insbesondere da das Füllen bei einem amerikanischen Ballon wegen den Böen nicht funktionierte. Das Problem: Wären zu viele Aufrüstvorgänge schief gegangen, wäre der Wasserstoff nicht mehr für alle Teams vorrätig gewesen.

Aber der Wind beruhigte sich und nach kleinen Problemen beim Füllen, u.a. war in der Parachuteleine ein dickes Knäuel, konnten wir endlich um 1:01 Uhr am Dienstagmorgen starten.

Was für ein wunderbarer Blick über Albuquerque bei Nacht! Wir stiegen vorsichtig auf und fuhren nach Südosten auf die Berge zu, die wir mit 15 kt flach überfuhren, aber glichen die Verwirbelungen mit Ballastabwurf ab, so dass wir später in der Nacht flach über die Ebene im Mondscheinlicht fuhren.

Aber was war das? Über Albuquerque hatten wir es schon ein wenig gehört, aber hatten es als Stadtgeräusch abgetan, aber nun hier in der menschenleeren Gegend war dieses leichte Zischen deutlich zu hören. War der Parachute vielleicht undicht? Ein bisschen ziehen, aber das Geräusch blieb. Also schauen, ob wir mehr Ballast in der Nacht verbrauchen.

Jedenfalls umfuhren wir mit diesem Kurs erstmal ein aktives Sperrgebiet. Am Morgen stiegen wir durch die Sonne etwas höher und fuhren Richtung Texas nach Nordosten, was auch mit unserem Wettermann und Taktiker David Strasmann besprochen war, um die Gewitter, die für den südlichen Teil von Texas angekündigt waren, zu umgehen.

Unsere Taktik war an die 60 Stunden zu fahren, um nach „Hintenraus“, wenn die anderen Teams schon gelandet waren, nach vorne zu fahren. Jedenfalls am Tag war erstmal kein Zischen zu hören und der Ballastverlust hielt sich in Grenzen; also weiterfahren.

Ob New Mexiko, Texas oder später Oklahoma, diese Weite dieser Landschaft ist phantastisch. Wir sahen diese riesigen Felder, die kilometerlangen Züge, aber auch in Oklahama schon Canyons, die sich in das Gelände eingegraben hatten. Was man aber auch sagen muss, dass die Thermik über den großen Ebenen gewaltig war und uns mehrere Male nach unten zog.

Nahe Elk City in Oklahoma ging es in die nächste Nacht. Wir versuchten noch bis FL110 zu steigen, um auszutesten, ob es noch einen stärkeren Wind nach Osten gab, aber es wurde eher ruhiger, so dass wir lieber weiter nach Nordosten Richtung Kansas fuhren

Morgens waren wir in Kansas, stiegen auf FL 130, hörten aber noch die Kühe sogar über den Wolken und bewegten uns weiter nach Kansas City. In den USA ist der Sprechfunkbedarf wesentlich geringer, sodass auch große militärische Gebiete kein Problem sind. Auch konnten wir die aktiven Gebiete gut umfahren.

Am Ende des Tages konnten wir eine große Wolkenschicht gut sehen, auf die wir zufuhren. Von David erfuhren wir auch, dass über 160 km entfernt eine Gewitterfront von Nordwesten nach Südosten durchzieht, wir aber nur am Rande eventuell etwas Regen abbekommen sollten. Und so gingen wir über die Wolkenschicht, die uns bis auf FL100 hochzog. Im Mondschein beobachteten wir die Wolken, die sich langsam um uns auftürmten. „Blitze in 80 km!“, hörten wir 2 Stunden später von David, aber auch der Lotse informierte uns über die Gewittersituation.

Auch wurden wir immer schneller und der Kurs wurde östlicher. Wir beobachten weiter die Wolken und scannten immer mehr den Horizont nach Wetterleuchten, aber kein Leuchten war zu sehen. An Schlafen war nicht zu denken. Sollte die Front an uns vorbeiziehen? Dann kam Davids SMS: „Blitz in 15 km, sofort landen!“ Sofort kam dieselbe Information per Funk vom Lotsen! Also alles für die Landung fertigmachen, Parachute ziehen, Füllansatz zu. Wie fielen mit 4 m/s aus FL100 durch die Wolken und beobachteten weiter den Horizont. Nun waren wir unter den Wolken und Nebraska lag unter uns. Schemenhaft konnten wir die großen Felder sehen, die leicht beleuchteten Farmhäuser und die Straßen. Wir wussten, an den Starßen liefen die Leitungen her, also großes Feld suchen!

Zum Glück machte unser „Autopilot“-Ballon alles alleine, fielen jetzt mit 2,5 m/s in 1000ft über Grund. Wetterleuchten am Horizont! Info vom Lotsen, dass in 8km ein Blitz war! Der Ballon stabilisiert sich bei 1,5 m/s und geht auf ein großes, dunkles Feld zu. Wir richten den Suchscheinwerfer auf den Boden, sehen nur etwas Braunes. Also Säcke in die Hand und weiter fallen lassen, „Blitz in 8 km“ hören wir im Funk, Wetterleuchten um uns herum, Grund kommt näher, Säcke raus, Parachuteleine ziehen und Touch down!

Ein kleines Hüpfen, das war alles. Die Böen zogen an der Hülle, aber wir wollten den Ballon vorerst stehen lassen, vielleicht noch vertragen, da wir 500 m von den Straßen entfernt in einem Sojabohnenfeld standen. Aber egal, ob Norden oder Süden, überall Wetterleuchten und da plötzlich, im Süden, wenige Kilometer entfernt, ein Blitz!

Also schnell den Wasserstoff raus und die Hülle fiel auf das circa 80 cm hohe Sojabohnengestrüpp. Schnell noch unsere Verfolger anrufen, die150 km entfernt schon in einem Hotel waren und dann die Instrumente verstauen, da es dann noch zu regnen anfing.

Was macht man nun nach einer Landung um Mitternacht in einem Sojabohnenfeld in Nebraska?

Während ich die Landemeldung für das Headquarter abgab, bzw. schon einige Fotos machte, ging meine Frau zum nahegelegenen Farmhouse und klopfte an der Tür. Schon beim Klopfen dachte sie: „Oh, was mache ich hier nun? Um Mitternacht in den USA an irgendeine Tür klopfen.“ Nachdem niemand aufmachte, und sie auch nicht das Klicken einer Waffe hörte, kam sie wieder zurück zum Korb. Wenige Minuten später sahen wir dann 2 Polizeiautos mit Suchscheinwerfern das Feld umfahren. Wir machten uns mit Schwenken unserer Nachtfahrbeleuchtung aufmerksam, sie blieben stehen und dann entstand ein wunderbare Szene:

Man muss sich dies von der Seite mit Mondlicht vorstellen. Auf der einen Seite gingen wir, mit unseren Yeti-Anzügen als Michelinmännchen und Kopflampen, Richtung Polizeiautos, auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes startete der Deputy mit seiner Stablampe. Mit den Suchscheinwerfer hatten die Polizisten wahrscheinlich uns und dahinter im Feld nur eine große, weiße Scheibe gesehen. Was werden sie wohl gedacht haben? Ein Ufo? Aliens?

Jedenfalls kamen wir uns immer näher. Sicherheitshalber leuchteten wir mit unseren Kopfleuchten an unserem Körper entlang, so dass der Polizist sehen konnte, dass wir keine Waffen trugen.

Und so standen wir uns mitten im Feld bei Mondlicht gegenüber. Dem Deputy war sichtlich die Erleichterung anzumerken, dass wir keine Aliens waren und nach einer freundlichen Begrüßung fragte er natürlich danach, was passiert war, ob wir Hilfe bräuchten, woher wir kamen und wer wir sind.

Nachdem wir ihm erklärt hatten, dass wir Deutsche sind und in Albuerque mit unserem Gasballon vor einigen Nächten gestartet waren, wollte er unsere Pässe sehen. Wir erklärten ihm, dass unser Verfolgerteam, welches erst in den nächsten Stunden angekommen wäre, unsere Pässe hatte.

„Ich könnte ihnen aber meine Goldkreditkarte geben“, fragte ich ihn und so gab ich ihm meine Kreditkarte. Er checkte sie per Funk mit seinem Kollegen, der am Straßenrand 200m entfernt stand, gab sie mir zurück und nach ein bisschen Smalltalk verabschiedeten wir uns. Er wollte noch die Nachbarin über unser Verbleiben im Feld informieren, an dessen Tür meine Frau geklopft hatte und gab uns noch zum Schluss den Tipp, dass es dort vermehrt Koyoten gab und wir ihn jederzeit unter 911 hätten anrufen können.

Jedenfalls kann ich nun sagen, dass es nicht wichtig ist in den USA einen Ausweis zu haben, sondern eine Kreditkarte.

So gingen wir zu unserem Korb, bewaffneten uns mit Messer und Hammer und wateten bei Koyotengeheule auf unsere Verfolger. Als unsere Verfolger endlich da waren, packten wir die wichtigsten Instrumente in den Van und nächtigten den Rest der Nacht im Auto. Morgens trugen wir die Hülle und den Korb durch das Feld zum Fahrzeug. Was für eine Arbeit!

Gerade als wir losfahren wollten, kam noch die Nachbarin aus ihrem Haus. Linda tat es so leid, dass sie uns nicht in der Nacht hatte helfen können, aber sie hatte wegen diversen Überfällen in der Gegend Angst uns aufzumachen. Danach lud sie uns noch zum Frühstück mit Kaffee und Muffins ein.

Das ist eben amerikanische Gastfreundschaft!

Von dort aus ging es über 1000 km zurück nach Albuquerque, wo auch am Wochenende eine sehr schöne Siegerehrung in einem netten Ambiente stattfand. Sieger wurde das spanische Team Gonzales/Aguirre, vor dem polnischen (Zapart/Rekas) und dem amerikanischen Team (Cuneo/Fricke).

Danach machten wir noch eine kleine Sightseeing-Tour mit unserem Team, so dass wir noch den Grand Canyon, Monument Valley und Mesa Verde besuchen konnten.

Jedenfalls sind wir bei unserer ersten Teilnahme mit dem Ergebnis zufrieden, da trotz Widrigkeiten, wie Leck und Gewitter, wir noch den 4. Platz belegen konnten, auch wenn unser Ballast noch ein Tag, also über 1000 km, gereicht hätte.

Wir möchten natürlich unserem Team, bestehend aus Lara und Tim Lausch, Karin und Hermann Böke, Ulrike und Charly Müller und insbesondere unserem Wettermann David Strasmann danken.